31. March 2009: Nur in Amerika...

Szene letztens bei einer hiesigen Burger-Bratbude.

Ich trete durch die Tür, weiß genau was ich will und möchte es nur schnell einpacken. Vor mir stehen eine Familie an der ersten Kasse, eine Frau mit Kind an der zweiten. An der dritten steht ein leicht genervt wirkender Mann, der mich abfällig mustert. Abseits davon eine Gruppe von vier Leuten – um die Ende zwanzig, zwei davon stark tätowiert, einer mit kahl-geschorenem Schädel – sich intensiv unterhaltend.

Auf eine schnelle Erfüllung meines Wunsches hoffend steht ich das Menü-lesend mitten im Raum, wandere ein wenig von links nach rechts. Weiß nicht genau ob ich mich einfach hinter einer Kasse einreihen soll, oder ob die Schlange vielleicht für alle Kassen gleichzeitig ist. Der Mann von Kasse drei schaut mich weiterhin skeptisch an. Denkt er, ich will mich vor drängeln?

Aus Richtung der Toiletten kommt ein Mann mir entgegen. Sich seine Hände an den Jeans abwischend. Der Frau an Kasse zwei, direkt vor mir stehen, fallen die Autoschlüssel aus der Hand. Mit seinen vermutlich noch feuchten Händen hebt der Mann ihr die Schlüssel auf – hoffentlich hat er sich die Hände gewaschen – um sich anschließend hinter mir in die Schlange einzureihen. Jetzt ist es also eine Warteschlange.

Warten… den Mitarbeitern hierzulande kann man sprichwörtlich im laufen die Schuhe besohlen. Eigentlich sollte hier, im Mutterland des goldenen M, doch alles viel schneller, effizienter laufen? Nichts passiert hier, alles ist ruhig. Jeder Burger wird einzeln nach Bestellung zusammengebaut. Mit vor gebratenen und warmgehaltenen Patties. Ich schaue auf die Uhr: fünf Minuten vor halb.

Die Familie an Kasse Eins bekommt ihr Essen. Alles genau nachzählend und Ketchup-verlangend (den gibt es drüben, bei den Servietten). Der Mitarbeiter hinter der Kasse, nennen wir ihn Chris, schreitet anschließend in Richtung Toiletten davon. Die Frau mit Kind an Kasse Zwei scheint ihre Bestellung gerade zum dritten Mal zu wiederholen. Der Mann an Kasse Drei schaut genervt zur Decke. Ich drehe mich um: Hinter mir steht der Mann aus der Toilette und noch ein anderer Kunde, der sich gerade eben hinten in der Schlange eingereiht hat. Ein Blick auf die Uhr: kurz vor halb.

Kasse Nummer Zwei piept bestätigend. Die Bestellung scheint endlich akzeptiert worden zu sein. Die Mitarbeiterin hinter der Kasse, nennen wir sie Concha, dreht sich um, irritiert? Verirrt? Verwirrt! Sie geht, gemütlich, zu den fertigen Burgern hinter ihr – immerhin ein guter Meter weit weg – und packt ein paar Dinge zusammen. Nachzählend. Sorgfältig. Nach jedem kleinen Burger auf den Bestellzettel schauend. Schließlich faltet sie die Tüte zusammen und geht zurück zu ihrer Kasse. Dort einmal angelangt öffnet sie die Tüte wieder und steckt einen Berg Servietten in die Tüte, die sie daraufhin wieder sorgfältig zusammenfaltet. Nun, da sie ihre gedankliche Checkliste offenbar abgehakt hat, macht sie sich auf zu Kasse Drei – dem wartenden Mann, der ihr allerdings schon entgegeneilt und schließlich die Tüte, mehr oder minder, aus der Hand reißt. Er ist zur Tür hinaus bevor Concha ihre Kasse wieder erreicht hat.

Chris von Kasse Eins kommt zurück. Zügigen Schrittes. Sich auf seine Kasse stützend schaut er abwesend in meine Richtung und sagt: Next please. Mein Bein zuckt kurz, bevor ich zu der Gruppe neben mir schaue. Ich schaue dem mir am nächsten stehenden an und winke mit der Hand in Richtung Kasse. Ein freundliches Thank You sagend schreitet die Gruppe an mir vorbei in Richtung des wartenden Mitarbeiters. Ob sie auch so freundlich gewesen wären, hätte ich mich einfach an die Kasse gestellt? Mein Blick geht Richtung Kasse Zwei: Concha studiert die Bestellung der Frau mit Kind auf ihrem Monitor. Ich schaue auf die Uhr: Kurz nach halb.

Eine Tür rechts von mir öffnet sich. Eine ältere Dame, geschätzte 80, betritt den Laden. Grinsend. Hinter ihr kommt, langsamen Schrittes, ein noch älterer Herr hinterher. Die Dame schreitet an mir vorbei, stellt sich, ein wenig Abstand haltend, direkt hinter die Kasse eins. Die will sich doch vor drängeln! Aber… ältere Menschen stehen in den USA ja sozusagen unter Artenschutz. Darf man da was sagen? Ist es in diese Kultur nicht sogar vielleicht verankert, dass älteren Menschen immer Vorrang gewährt wird? Schließlich gibt es ja auch an allen noch so kleinen Geschäften Behindertenparkplätze – und gegen die auf den Mutter-Kind-Parkplätzen parkenden Rentner sagt ja schließlich auch niemand was. Was soll ich tun? Die Gruppe an Kasse Eins hat die Bestellung zusammengestellt – laut hin und her-rufend, denn die eine Hälfte sitzt bereits ein einem Tisch etwas abseits.

An Kasse Zwei ist Concha mittlerweile dazu übergangen die Burger langsam, aber sorgfältig, auf ein Tablett zu betten. Jeden einzeln. Während das Kind sich bereits durch die Happy-Meal-Tüte wühlt. Nachzählend fordert die Mutter noch Mayo und Ketchup – gibt’s da hinten bei den Servietten. Währenddessen stapeln sich bereits die ersten Burgen auf dem Tablett an Kasse Eins. Irgendeine Gerätschaft beginnt lautstark piepend um Aufmerksamkeit zu schreien. Chris wirbelt, die Burger auf dem Tablett immer höher stapelnd während Concha die Mutter anlächelt, darauf wartend ihr Sätzlein auf zusagen: Next please. Damit meint sie mich. Gut, denn an dieser Kasse steht die alte Dame gewiss nicht an.

Erleichtert gebe ich meine Bestellung auf. Four Cheseburgers please. That’s all?, fragt Concha. That’s all. In dem Moment sagt Chris: Next please. Der Toiletten-Mann begibt sich raschen Fußes an Kasse Eins, die ältere, grinsende Dame bewusst ignorierend. In dem Moment sehe ich, dass sich mittlerweile eine recht ansehnliche Schlange aufgestaut hat. Acht, vielleicht zehn Leute stehen dort aufgereiht – in einer einzigen Schlange, die die rechte Hälfte der Türen versperrt. Concha murmelt hinter mir etwas. Ich drehe mich um. Sie meinte wohl, dass es ein wenig dauern wird. Ich trete zur Seite, für den nächsten Kunden Platz machend.

Im selben Moment tritt auch der Toiletten-Mann zur Seite. An Kasse Eins beginnt die ältere Dame, die sich in der Zwischenzeit direkt hinter dem Toiletten-Mann aufgebaut hatte, ihre Bestellung los zu plappern, während an Kasse Zwei der nächste Kunde neben mir seine Bestellung in schnellen Worten aufgibt: Irgendein Special, das Concha nicht geläufig ist. Er gestikuliert in Richtung des Menüs und Concha schaut, mit einem leichten Anflug von Panik in den Augen, zu Chris hinüber.

Währenddessen gleitet mein Blick zu der Schlange hinüber. Die Frau, die eigentlich jetzt an Chris’ Kasse stehen würde, schüttelt ungläubig den Kopf. Mehrere andere Kunden stehen ebenfalls merklich empört an ihrem Platz in der Schlange. Die ältere Dame überlässt dem mittlerweile an Kasse Eins angelangtem älteren Herrn den Schauplatz und geht, langsamen Schrittes mit einem beständigen Grinsen auf dem Gesicht, an der Schlange entlang. Als sie den Gesichtsausdruck der Leute sieht, sagt sie, für jeden gut hörbar: I took my chances und grinst noch breiter. Sie scheint das wohl als besonders clever zu empfinden. Der Blick der in der Schlange stehenden Leute wird noch finsterer. Mir ein Grinsen nicht verkneifen könnend drehe ich mich zurück zu Concha und ihrem Problemkunden.

Der Kunde hat mittlerweile seine Sprechgeschwindigkeit an Conchas Arbeitstempo angenähert. Und auch wenn man von Conchas Gemurmel nichts verstehen kann, scheint es das gewünschte Special wohl nicht mehr zu geben. Mit lauten und für seinen starken US-Slang deutlichen gesprochenen Worten formuliert der Problemkunde seinen Altnertiv-Wunsch – das eine Diskussion über das werben mit Specials und deren Verfügbarkeit bei Concha zu nichts führt, hat er wohl von vornherein verstanden. Währenddessen schleppt Chris eine Eistüte mit einem viel zu großen Berg Softeis darauf an Kasse Eins, wo der ältere Herr bereits wartet. Ich schaue auf die Uhr: Fast zehn Minuten nach halb.

An Kasse Eins bekommt der Toiletten-Mann gerade seine eingetütete Bestellung in die Hand gedrückt als Concha die Bestellung ihres Problemkunden erfolgreich in die Kasse getippet hat. Die von der älteren Dame übersprungene Frau hechtet sofort an Chris’ Kasse und plappert los. Während ich noch so überlege wie viel weniger der Toiletten-Mann wohl bestellt haben könnte das seine Bestellung noch vor meiner fertig ist, sehe ich auch schon Concha an der Burger-Theke stehen. Chesseburger-abzählend und sie behutsam in einer Tüte ablegend. Sie macht das so übersichtlich, dass ich keinerlei Probleme habe mit zu zählen – nicht das man an ihrer Genauigkeit zweifeln könnte. Und während sie dann mit einem zufriedenen Gesichtsausdruck zu mir herüber schlurft, beginne ich zu überlegen wann meine Parkzeit an der Parkuhr wohl abgelaufen gewesen sein könnte. Ich hatte, in Ermangelung kleinerer Münzen, einen Viertel-Dollar eingeworfen. Zwölf Minuten Parkzeit fand ich sehr übertrieben für eine kleine Bestellung in einem Fast-Foor-Restaurant.